Verankert in Liebe - sichtbar in Werken der Barmherzigkeit
Die Fastenzeit wird oft als „Zeit des Verzichts“ beschrieben. Das stimmt – aber christlich verstanden ist sie viel mehr: eine geistliche Schule, eine Zeit, in der wir uns neu verankern. Und der feste Grund, in dem der Anker greift, ist nicht unser eigener Wille, nicht unsere Disziplin und nicht unsere Stimmung, sondern die Liebe Gottes. Darum lässt sich die Fastenzeit so zusammenfassen: Fastenzeit ist Verankertsein in Liebe – sichtbar in Werken der Barmherzigkeit.
1. Der Anker: Unscheinbar – aber lebenswichtig
Ein Anker ist keine Zierde. Er ist schwer, unscheinbar, und er wird erst wichtig, wenn Wind und Strömung kommen. Ein Schiff hält nicht, weil es so stark ist, sondern weil der Anker in etwas Festem greift. So ist es auch mit unserem Leben. Es gibt Strömungen, die uns treiben: Termine, Erwartungen, Konflikte, Enttäuschungen, Angst um die Zukunft, Müdigkeit – manchmal auch innere Leere. Manches ist laut, manches leise. Und oft sind es nicht die großen Stürme, sondern die vielen kleinen Wellen, die uns langsam wegtragen.
Fastenzeit heisst: Anker werfen, nicht in uns selbst, sondern in Gott, nicht in Perfektion, sondern in seine Treue.
2. Liebe: Nicht nur Gefühl – sondern Verbundenheit
Wir reden schnell von Liebe, aber meist meinen wir ein Gefühl: warm, schön, angenehm. Gefühle sind wertvoll, aber sie sind wechselhaft. Die Liebe, von der die Bibel spricht, ist tiefer: Verbundenheit, Entscheidung, Treue. Diese Liebe beginnt nicht bei uns. Sie beginnt bei Gott: Wir sind nicht zuerst die, die lieben – wir sind zuerst die, die geliebt sind. Und genau daraus wächst der Auftrag: Wer Gott liebt, liebt auch seine Geschöpfe. Den Mitmenschen, den Bruder, die Schwester, die Familie – auch den, der schwierig ist. Fastenzeit heißt also nicht nur „ein bisschen frommer werden“, sondern: in der Liebe verwurzelt werden, die Gott uns schenkt – damit sie durch unser Leben Gestalt annimmt.
3. Die drei Wege: Gebet – Fasten – Almosen
Die Kirche stellt uns in der Fastenzeit die drei klassischen Wege hin: Gebet, Fasten, Almosen. Man könnte es so sagen: Gebet verankert uns in Gott. Fasten macht uns innerlich frei. Barmherzigkeit macht die Liebe sichtbar. Diese drei gehören zusammen. Wenn eines fehlt, kippt das Ganze: Gebet ohne Barmherzigkeit wird leicht fromm und kalt. Barmherzigkeit ohne Gebet wird schnell Aktivismus. Fasten ohne Liebe wird Selbstzweck. Die Fastenzeit will nicht, dass wir uns selbst beeindrucken. Sie will, dass wir liebevoller werden.
4. Werke der Barmherzigkeit: Ankerpunkte im Alltag
Hier kommen die Werke der Barmherzigkeit ins Spiel. Sie sind wie „Ankerpunkte“ im Alltag. Manche sind leiblich: Hungrige speisen, Kranke besuchen, helfen, teilen, begleiten, Trauernden beistehen. Andere sind geistlich: Zweifelnden raten, Trauernde trösten, geduldig ertragen, verzeihen, für andere beten.
Barmherzigkeit kostet etwas. Gerade deshalb ist sie ein echtes Fasten. Denn: Ich faste, indem ich Zeit verschenke. Ich faste, indem ich mein Recht auf das letzte Wort loslasse. Ich faste, indem ich nicht nachtrage. Ich faste, indem ich nicht lästere, sondern aufbaue. Ich faste, indem ich nicht vorbeischaue, wenn jemand Not hat. Das sind Fastenübungen, die wirklich in die Tiefe gehen – und die unser Herz verwandeln.
5. Wochen-Impulse: Ein Weg durch die Fastenzeit
In den kommenden Wochen wollen wir uns über die Werke der Barmherzigkeit Gedanken machen und sie konkret einüben:
Woche 1: Teilen (Hungrige speisen)
Woche 2: Zuhören (Trauernde trösten)
Woche 3: Verzeihen (Beleidigern verzeihen)
Woche 4: Besuchen (Kranke besuchen)
Woche 5: Offen sein (Fremde aufnehmen)
Es geht nicht darum, alles auf einmal zu schaffen. Es geht um Treue im Kleinen: Ein Schritt – aber echt.
Bitten wir in dieser Fastenzeit um die Gnade, dass unser Verzicht uns frei macht, dass unser Gebet uns tiefer verankert und dass unsere Freiheit in Werken der Barmherzigkeit sichtbar wird. Dann wird Ostern nicht nur ein Fest im Kalender, sondern eine Wirklichkeit in uns: Neues Leben – aus der Liebe.
P. Anto Poonoly